Follow Us on Twitter   •   Project by derDrummer.ch   •   Support Us   •   FAQ   •   Links   •   Sonntag 4. Dec 2016
- Anzeige -
Hudson Music - Drum Guru App
- Anzeige -

Was ist Technik? Wozu braucht ein Drummer Technik? von Frank Mellies

Drum Workshops 14. Juni 2011 - 12:06 UHR 0 Kommentare
Die Frage nach der Technik ist im Leben eines Schlagzeugers, und jedes Musiker, eine zentral wichtige. Meistens geht es dabei um: habe ich genug? Wie erarbeite ich mir mehr? Ein sehr großer Teil unserer Gedanken und Bemühungen, die meiste Zeit im Übe-Raum, beschäftigt sich mit Technik. Was aber ist Technik? Wozu brauchen wir sie? Wir sind so sehr damit beschäftigt Technik zu erlangen, daß das Wesen von Technik oft außer Sicht gerät und daher viele gar nicht genau wissen um was genau sie sich da eigentlich bemühen. Das beeinflußt unsere Art und Weise wie wir an Technik herangehen und uns aneignen. Eine Beschäftigung mit dem Wesen von Technik wird diese Herangehensweise verändern.

Drum Fitness Frank Mellies

Ein Gleichnis, welches das Wesen von Technik schnell ersichtlich macht und das ich deshalb gerne benutze ist der menschliche Gang. Jedem ist sofort klar, daß der menschliche Gang erstens: aus extrem komplexen, koordinierten Bewegungsabläufen besteht und zweitens eine bestimmte Aufgabe erfüllt: Nämlich den Transport unseres Körpers von Punkt A zu Punkt B. Damit sind die Fragen nach dem Was und Wozu von Technik eigentlich schon beantwortet. Aber gehen wir noch etwas ins Detail:

Koordinierte Bewegungsabläufe:

Das Laufen ist ein, wie gesagt, sehr komplexer, technischer Vorgang, der sich einer Kombination aus „Gerüst“, sprich Knochen, Sehen, Bändern und Muskeln bedient. Die Kontraktion und Entspannung vieler beteiligter Muskeln muß koordiniert werden, permanent wird das Gleichgewicht kontrolliert, die Bewegung entsprechend korrigiert. Ein unglaublich komplexer Vorgang, den wir glücklicherweise perfekt und rein intuitiv beherrschen. Bewusst steuern könnten wir das nicht.

Die Übereinstimmung zum Drumming liegt darin, daß wir es auch hier mit koordinierten, teilweise extrem komplizierten Bewegungsabläufen zu tun haben. Das Bewältigen eines Paradiddle beispielsweise erfordert eine sehr komplexe Kombination von Arm-, Handgelenk- und Finger-Bewegung, fein dosierte Energie-Zufuhr und, – fast noch wichtiger: Entspannung und Zulassen des Rebound. Das ganze zwei mal, also rechts und links kombiniert. Von kompletten Grooves mit zusätzlicher Koordinierung der oberen und der unteren Körperhälfte mal ganz zu schweigen. Wie beim Gang sind wir darauf angewiesen, daß unsere Gliedmaßen selbständig und ohne unsere bewußte Kontrolle arbeiten. Sonst klingt es einfach nicht schön.

Transport:

Nun, die Notwendigkeit unseren Körper von hier nach da transportieren zu können ist so offensichtlich, daß die Frage „Wozu laufen wir?“, na ja, nicht wirklich diskutiert werden muss. Klar ist, dass der Menschliche Gang eine Bestimmte Aufgabe erfüllt: Transport. Ohne diese Aufgabe macht Laufen keinen Sinn. Die Aufgabe des Drummers: Auch klar: Time, Grooves, Fill Ins.

Was aber Musik wirklich spannend und eigentlich erst wertvoll macht, ist die Möglichkeit des persönlichen Ausdruckes. Etwas ist in uns, das durch das Medium Schlagzeug das aussen kommt und sichtbar wird. Noch einmal zurück zum menschlichen Gang: Wir brauchen oft einen Menschen nur über den Flur laufen sehen und wissen wie er sich fühlt: selbstbewusst, ängstlich, gut gelaunt, traurig usw, usw, und alle Schattierungen dazwischen. Wir erkennen uns gut bekannte Menschen aus großer Entfernung schon am Gang, wenn wir das Gesicht noch nicht sehen. Oder wissen wir sofort dass heute etwas anders ist, wenn er den Raum betritt.

Unsere Persönlichkeit und die Bewegungen der Hülle, die wir bewohnen, unser Körper, sind eins und nicht von einander zu trennen. Das gilt nicht nur für unseren Gang sondern für alles was wir tun. Wie wir mit Besteckt hantieren, wie wir schreiben, Werkzeug benutzen, sitzen usw, usw… Alle Tätigkeiten erfüllen nicht nur ihren unmittelbaren Zweck, sondern machen nebenbei auch innere Zustände und unsere Persönlichkeit sichtbar. Das funktioniert nur deshalb so gut, weil wir diese Tätigkeiten „technisch“ perfekt beherrschen und bewusste Kontrolle nicht stattfindet.

Genau so ist es auch beim Drummer/Musiker (oder sollte es sein). Die Bewegungen am Schlagzeug dienen dem unmittelbaren Zweck Time und Rhythmus zu produzieren, und transportieren gleichzeitig einen „Ausdruck“. Je besser wir die Bewegungen, also die Technik, beherrschen, desto ungestörter entfalten wir unseren Ausdruck. Ohne diesen Ausdruck würde keiner mit uns spielen wollen oder würde Musik an sich überhaupt keinen Sinn machen. Insofern ist Ausdruck der eigentliche Sinn von Musik und Technik das Mittel zum Zweck.

Die Frage aber „Was ist wichtiger? Ausdruck oder Technik?“ – ergibt keinen Sinn. Wenn ich nichts zu sagen habe wird Technik leer und sinnlos. Wie Beine ohne Körper. Wenn ich etwas zu sagen habe, aber keine Technik, dann kriege ich es nicht raus und bin ein Körper ohne Beine. Technik eröffnet und erweitert Möglichkeiten des Ausdruckes. Technik mach, daß es gut klingt und dass es geil grooved. Technik macht mindestens 50 Prozent, eher mehr, von gutem Timing, weil nur bei gut geschmierten Bewegungsabläufen die Schläge zeitlich genau plaziert werden können.

Notwendigkeit und Möglichkeit, also musikalischer Ausdruck und Technik, ergeben hier eine Einheit und sind so wie Körper und Geist nicht voneinander zu trennen.

Das Wesen der Technik ist das Zusammenspiel und die gegenseitige Abhängigkeit dieser zwei Elemente.

Und wie beeinflusst das nun unsere Herangehensweise an Technik, bzw. an das Erlernen von Technik? Wenn ich das Projekt „Schlagzeug spielen lernen“ als einen Weg betrachte, könnte ich ganz philosophisch sagen: Ich halte das Ziel nicht mehr für den Weg. Oder: Ich finde das Ziel, indem ich es erst mal ignoriere und meinen Blick auf den Weg senke.

Aber der Reihe nach: Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten sich dem Thema Technik zu nähern: Die Ergebnis orientierte und die Wesens orientierte. Im Einzelnen:

Ergebnis Orientiert

Noch ein Gleichnis:

Jojo Mayer vergleicht das Trommeln gerne mit Architektur. (Siehe Video-Interview hier auf jazzdrummerworld.com) Wenn ich dieses Gleichnis benutze könnte ich sagen: Der Ergebnis-orientierte Architektur Professor zeigt seinen Studenten Bilder von schönen, eindrucksvoll hohen, mächtigen, wundervoll verzierten Gebäuden, also von Ergebnissen und sagt: „So muß das aussehen Leute. Das ist euer Ziel“. Er verschweigt aber die Gesetzte der Statik und die Material Eigenschaften von Holz, Stahl und Beton.

Die Ergebnis orientierte Herangehensweise beim Schlagzeug beantwortet analog dazu bestenfalls die Frage was ein Drummer sinnvollerweise können sollte. Single Strokes, Double Strokes, dieses Sticking, jenes Sticking, Rudiments etc. Koordination, Unabhängigkeit bis zum Level X, usw, usw. Schlimmstenfalls werden die Chops der Super-Drummer präsentiert. Bitte alles mit mindestens 250 Sachen. Das alles ist schnell hin geschrieben und entsprechend viel Literatur gibt es auch. Darin werden die Ergebnisse von bestimmten Bewegungsabläufen präsentiert, diese Bewegungsabläufe selber aber verschwiegen.

Wenn ich aber nur die Ergebnisse und nicht deren Bedingungen oder den Weg dort hin kenne, bleibt mir nur die „Trial and Error“- Methode und ich benötige viel Trial und viel, viel Error, oder viele Eingestürzte Gebäude, bis ich endlich das geforderte Ergebnis erreiche.

Nicht sehr effektiv.
Ohne einen wirklich guten Lehrer ist man da schnell überfordert. Ich weiß von mir, daß ich das allermeiste nicht wirklich verwerten konnte, weil die Schlüsselinformation nicht mit geliefert wurde.

Wesens Orientiert

Der Wesens-orientierte Architektur Professor beginnt mit den Grundlagen der Statik, spricht über verschiedene Materialien und deren Eigenschaften, läßt Umwelteinflüsse nicht außer acht, untersucht den Boden auf dem das Gebäude stehen soll. Er spricht also erst über Bedingungen die ein Ziel, welches auch immer das ist, ermöglichen.

Wenn ich am Schlagzeug das Wesen von Technik berücksichtige vermeide ich den fatalen Irrtum, dass beispielsweise die berühmten Rudiments Technik sind. Rudiments sind das Resultat bestimmter Bewegungsabläufe, also Anwendung und Ergebnis von Technik. Ich wende mich also erst einmal diesen Bewegungsabläufen zu und betrachte so den Weg und die Bedingungen, die ein Ergebnis ermöglichen. So kann ich wirklich effektiv üben.

Es stehen sich also zwei Herangehensweisen gegenüber:
Ergebnis orientiert: Ergebnis erzeugt Bewegung (Hoffentlich irgendwann eine, die funktioniert)
Wesens orientiert: Bewegung erzeugt Ergebnis

Wenn die Bewegungen erst mal stehen, kommt Tempo tatsächlich ganz von alleine. Ich selber übe höchst selten mit Tempi über 90/ 100 bpm. Mir hat das viel Stress und Leistungsdruck erspart. Darüber hinaus lerne ich die Wege spontan zu wechseln oder miteinander zu kombinieren. So ermögliche ich wirkliche Kreativität und mache mich unabhängig von den Chops der anderen.

In dem ich meine Aufmerksamkeit auf den Weg vor meinen Füßen lenke, komme ich dem Ziel quasi aus versehen näher. Und es ist nicht das Ziel das andere mir genannt haben, sondern mein eigenes.

Umso besser.
Ein weiterer, sehr angenehmer Vorteil der Wesens Orientierung liegt darin, daß ich ein bißchen aus diesem Sog von Schneller-Höher-Weiter etwas heraus komme und statt dessen mehr Sinn für die, wie soll ich sagen, ganzheitliche Schönheit des Zusammenspiels von Bewegung, Rhythmus und Emotion entwickle. So ist es jedenfalls mir gegangen.

Beim Schlagzeug kommt alles zusammen: Das angenehme Gefühl, das ich bei reibungslos funktionierenden Bewegungsabläufen sinnlich in meinen Händen, Füßen und meinem ganzen Körper spüre. Das sinnliche und mentale Erlebnis des Rhythmus und seiner unendlichen Schattierungen. Die Möglichkeit etwas ungenanntes nach außen hin Sichtbar zu machen was in mir ist und einen Weg nach draußen sucht. Das Empfangen dieses „Stromes“ von und die Kommunikation mit den anderen Mitmusikern. (Nicht vergessen: wir sind ja meistens nicht allein). Die Möglichkeit über sich hinaus zu wachsen und etwas richtig gut zu machen. Die Möglichkeit Kreativität zu entfalten. Oder, wem das alles etwas zu esoterisch ist: einfach Spass haben. Fun. Vergnügen. Ja, es ist einfach herrlich. Die Technik transportiert mich dorthin.

Autor: Frank Mellies – frankmellies.com

Wer die ganze Sache lieber auf Papier lesen möchte, kann das ganze hier als PDF laden und ausdrucken.

0 Kommentare

Artikel kommentieren

JazzDrummerWorld freut sich über Kommentare und ist an einer offenen Diskussion sehr interessiert. Deine Meinung zum Artikel ist wichtig. JazzDrummerWorld behält sich jedoch vor, beleidigende bzw., unangebrachte Kommentare zu löschen!

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder! Gewisse Kommentare werden nicht sofort angezeigt, sondern müssen erst freigeschalten werden. Beachten Sie auch die Nutzungsbedingungen und die FAQ Seite, mit häufig gestellten Fragen.








SUBSCRIBE NEWSLETTER

DAILY GROOVES

WORKSHOP

 Thumbnail

Workshop – Single Pedal Workouts Part 2


Aufgrund meiner Daily Grooves bei Instagram, wurde der Wunsch geäussert für einen weiteren kleinen Single Pedal... Mehr lesen »

BUCH TIPP

 Thumbnail

Mark Guiliana – Exploring Your Creativity on the Drumset


Mark Guiliana ist kein unbekannter. Er gehört zu den herausragendsten Schlagzeugern unserer Zeit. Sein Spiel besticht durch... Mehr lesen »

Agner Swiss Drumsticks   Puresound   Evans Drumheads   Anatolian Cymbals   Schlagwerk Percussion   audio protect ag   DRUMS ONLY Zürich   Tama Drums