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Interview Pierre Favre

Interviews 26. November 2010 - 10:32 UHR 0 Kommentare
Dieses Gespräch mit dem Schlagzeuger Pierre Favre führte der Schlagzeuger Lucas Niggli für das Jazz’n’More Magazin.

Timing kommt aus dem inneren.

Kein anderer Musiker hat vermutlich so lange so intensiv mit Pierre Favre zusammengespielt, zusammengearbeitet, zusammen gedacht und geredet wie der Schlagzeuger Lucas Niggli, als langjähriger Schüler, als Musiker in mehreren Gruppen von Favre, als Partner, als Freund. Darum haben wir Lucas Niggli gebeten, Pierre Favre zu interviewen. Und tatsächlich ist daraus ein ganz aussergewöhnliches Interview geworden. Das ist Pierre Favre, wie wir ihn schätzen und lieben: ein offener, scharfsinniger, sensibler Geist, ein Meister, wie Niggli ihn nennt, ein neugieriger Musiker, ein grosser Pädagoge – und ein verschmitzter Geschichtenerzähler. Von Lucas Niggli

ICH MACHE EINFACH SEHR GERNE, WAS ICH NICHT KANN. Pierre Favre

Pierre Favre
© Photographer Roberto Cifarelli

Lucas Niggli: Viele ältere Musikerinnen und Musiker spielen die Musik, die sie in jungen Jahren entdeckt und entwickelt haben; sie lehnen zurück und geniessen den Ruhm, den sie mit ihrer Musik erlangt haben. Du aber machst immer wieder Neues, initiierst neue Projekte und neue Bands – vor allem auch mit jungen MusikerInnen. Was treibt Dich immer noch an, Dich weiterzuentwickeln, weiter zu forschen und zu experimentieren?

Pierre Favre: Was mich antreibt, ist die Musik. Ich betrachte mich nicht als kompletten Musiker, ich bin immer noch am Studieren und Lernen. Ein Projekt, das heute als CD herauskommt, ist für mich immer nur eine Stufe auf einer unendlichen Treppe; ich bin inzwischen schon auf der nächsten Stufe. Eine CD- Produktion ist wie eine Klarstellung, wo ich stehe und in welche Richtung ich gehe. Sie erlaubt mir, auf das Neue zu schauen. So schaue ich auch auf das Leben – ich schaue immer nach vorne …

LN: Lernen ist Üben. Wie übst Du? Und vor allem: Was übt ein Musiker, der handwerklich schon alles kann?

PF: Ich bin Schlagzeuger, das Schlagzeug ist meine grosse Liebe. Es geht weniger ums Können als ums Werden. Manche gehen in die Kirche, ich übe täglich. Es ist ein Ritual.
Ich übe vor allem zwei Dinge: Ich übe das tägliche Üben am Schlagzeug, ich versuche, mich auf dem Instrument immer besser, immer genauer und differenzierter auszudrücken. Daneben übe ich das sogenannte Komponieren. Ich bezeichne mich nicht als Komponisten, aber ich schreibe Musik. Diese beiden Dinge befruchten sich gegenseitig. Ich bin nicht so sehr der Interpret. Ich bin ein Improvisator. Das Komponieren macht aus mir aber einen besseren Improvisator. Was klingt so, wie Du es gerne hast? Diese Frage ist der höchste Anspruch, den man an sich stellen kann. Und was verwirfst Du? Das Auswählen geschieht dann beim Improvisieren sehr schnell.

LN: Wie sieht denn dein tägliches Übungspensum konkret aus?

PF: Am Morgen spiele ich als Erstes Schlagzeug. Ich übe leise. Und ganz geschmeidig, ich vermeide jede Art von Steifheit oder auch von Hysterie. Man steigert sich beim Spielen gerne in Sachen, dabei entgleitet einem zuweilen die Kontrolle: Du gibst auf und die Hände begeben sich auf die Flucht – weil das Ohr die Kontrolle aufgegeben hat.

Es ist wie beim Skifahren, wenn Du die Kontrolle über die Geschwindigkeit verlierst, dann beginnst du zu schreien. Ich aber möchte jeden Moment anhalten können. Beim Spielen ist es wie beim Sprechen, es gibt Leute, die werden hysterisch und laut, damit man ihnen glaubt, das ist aber nicht wirklich kreativ. Ich versuche kreativ zu bleiben. Ich nehme beim Üben auch Bezug auf die tierische Bewegung. Tiere sind so leicht dabei, etwas zu tun, aber selten kraftlos.

Vor Kurzem habe ich zufällig mit einer kleinen Wischbewegung ein Glas vom Tisch gestossen. Es ist in tausend Splitter zersprungen – auf dem ganzen Boden. Da dachte ich: Das ist es, diese Bewegung ist es, die ich suche, ganz klein, ganz natürlich, aber sehr effektiv! Ich mache auch keinen Ton, den ich nicht singe. Das Singen beim Spielen gibt eine Dynamik. Das Timing kommt aus Deinem Inneren, die Phrasen werden ausgespielt, die Technik verschwindet. Wenn man von der Technik her denkt, bremst man den Fluss des Rhythmus und auch der Fantasie. Und: Wenn man kontrolliert leise spielen kann, kann man auch sicher laut spielen.

Pierre Favre

© Photographer Roberto Cifarelli

LN: Du hast seit über 40 Jahren immer auch eigene Bands gehabt. Du bist sehr aus der traditionellen Rolle des Schlagzeugers als Begleitmusiker herausgetreten. Schlagzeuger als Bandleader sind auch heute noch eher eine Ausnahme. Aber es gibt einige ganz grosse, stilbildende Drummer als Leader. Ich erinnere mich noch an einen Auftritt des Max Roach Quartetts, den wir 1996 zusammen am Jazzfestival Willisau gehört haben. Du hast fast während des ganzen Konzerts geschlafen; beim letzten Ton warst Du plötzlich wieder hellwach und hast gemeint, das sei wie ein wunderbarer Baby-Schlaf gewesen – wie um einige Jahrzehnte zurückversetzt … Aber noch einmal: Du hast schon sehr früh eigene Bands gehabt – mit Irene Schweizer, mit Evan Parker, mit Peter Kowald, später die Singing Drums oder Window Steps, sicher ganz wichtige musikalische Etappen in Deiner Biografie. Wie siehst Du heute die Rolle des Bandleaders? Geht es in der kreativen Musik von heute nicht viel eher um das Kollektiv, um den Gruppengeist?

PF: Am Anfang habe ich mich nicht als Leiter gesehen – das waren tatsächlich Kollektive, auch die Band, die ich zusammen mit John Tchicai leitete. Er und Peter Warren, das waren vorne die zwei Meter grossen Männer, die haben auch viel gestritten. Ich war hinten, quasi der Torwart, neben Ole Thilo. Ich habe alles abgekriegt.

Erst später habe ich, sicher auch dadurch, dass ich Komposition studiert habe, den Mut bekommen, als Schlagzeuger den anderen Musikern zu sagen, was sie spielen sollen. Bei Window Steps mit Steve Swallow, Kenny Wheeler, Roberto Ottaviano und David Darling musste ich mir immer wieder sagen: Pierre, Du bist ein Felsen! Es gab da oft unangenehme Kommentare. Ich habe dann gedacht: „Ja, lass sie üben“. Oder ich habe diesen grossen Musikern gesagt: „Du spielst einfach, was da steht.“ Die CD wurde schliesslich ein grosser Erfolg. Das gab mir ein grosses Stück Selbstvertrauen als Komponist und Bandleader. Ich mag eigentlich keine Potpourris, wo jeder seine Stücke in die Band bringt. Ich will in meiner Band meine Musik spielen.

LN: Aber das gehörte doch zu den Grundprinzipien des Freejazz.

PF: Ja, es war ein langer Weg, vom Freejazz der 60er-Jahre wegzukommen, der Versuch, Klarheit zu gewinnen. Nicht nur zu behaupten, der Instinkt sei alles. Ich habe da früher schon manchmal eine Maske getragen. Aber bei den ersten Versuchen mit meinen eigenen Bands wollte ich diese Maske fallen lassen. Ein Alle-sind-gleich gibt es nicht in der Musik. Einer muss verantwortlich sein. Wie beim Theater, es braucht einen Regisseur. Es gibt eine Art Demokratie, die in der Musik sehr lähmend wirken kann. Die Auswahl der Musiker in eine Band ist etwas vom Wichtigsten, und danach muss man jedem die Chance geben, jedem vertrauen. Aber das hat nichts mit Demokratie zu tun.

Ich bin eher ein nonverbaler Mensch. Das heisst: Ich rede auch als Leader nicht viel. Das kann manchmal zu Missverständnis führen … Manchmal muss man als Bandleader auch ganz schön leiden – aber es ist eine Chance zum Lernen. Ich mache einfach sehr gerne das, was ich nicht kann (lacht).

Pierre Favre

© Photographer Roberto Cifarelli

WENN MAN KONTROLLIERT LEISE SPIELEN KANN, KANN MAN AUCH SICHER LAUT SPIELEN.

LN: Du sagst, Du seist kein Komponist. Als was würdest Du Dich denn bezeichnen? Was interessiert Dich am Komponieren? Ist es die “Melodie”?

PF: Man sagt mir immer, ich sei ein Melodiker – ich weiss eigentlich nicht warum. Vielleicht weil bei dem einen ein Pattern nur mechanisch klingt, bei dem anderen melodisch, weil es von innen herauskommt. Wenn ich am Schlagzeug Patterns spiele, diese bekannten „Rechts-Links“ – Dinge in allen Variationen, dann ist das für mich einfach zu wenig. Die Melodie aber ist für mich wie ein Brunnen, der nie aufhört zu fliessen. Immer kommt wieder etwas Neues – und das ist ähnlich wie beim Komponieren.

Wenn ich solo spiele, also improvisiere, mache ich rhythmisch Dinge, die vielleicht sehr komplex gedacht sind, wenn ich aber komponiere, kämpfe ich darum, dass ich diese Art von Komplexität auch in die Komposition hineinbringe. Ich vermute, dass ich das noch nicht ganz schaffe, vielleicht in Ansätzen. Ich habe noch nicht den Mut, so zu schreiben, wie ich spielen kann. Es fällt mir leichter, beim Improvisieren komplex zu hören. Ich höre es einfach, es ist nicht intellektuell gedacht.

LN: Schreibst Du darum tonal?

PF: Nein, ich habe einfach gemerkt, dass ich ein tonaler Musiker bin, sozusagen ein „Dur- Moll-Typ“. Die ständigen Dissonanzen machen mich heute müde. In den Sechzigerjaren hab ich das gebraucht, es war alles zu brav. Heute empfinde ich aber die ständigen Dissonanzen als brav. Man spielt andauernd Dissonanzen, aber man fühlt sie nicht. Es ist für mich heute „dissonanter“, tonal zu spielen – viele Leute sind komischerweise dadurch schockiert – da habe ich schon meine Freude daran. Aber auch das ist eine Mutsache, so zu schreiben, wie ich höre, und nicht so wie ich denke, dass meine Kollegen und die Kritiker es gern hören wollen. Ich werde manchmal als Verräter an der Sache des Freejazz hingestellt, aber das muss man aushalten, diese vorwurfsvollen Blicke.

LN: Von Schlagzeugern wird heute oft verlangt, dass sie alle möglichen Stile beherrschen. So wird an den Jazzschulen vor allem das Alles Können trainiert, aber weniger, wie man zu einer eigenen Identität findet. Wie kommen junge Musiker zu einer eigenen Identität? Zur eigenen Sprache? Was ist die zentrale Haltung?

PF: Ich beobachte, dass bei jungen Musikern oft das Beweisen wichtiger als die Liebe zur Musik, zum Instrument, vor allem zur eigenen Musik ist. Man will unbedingt gross sein. Ich habe auch beweisen müssen. Man hat mich oft gefragt, warum die Schweiz so viele gute, eigenständige Schlagzeuger hat. Möglicherweise, weil wir nie einen König hatten! Man ist selber sein Herr. Ich denke, man muss lernen, sich nicht selber kaputt zu machen, sich manchmal auch selber auf die Schulter zu klopfen, sich selber ein guter Freund sein, Verständnis für sich selber haben oder sich einfach auch so zu lieben, wie man ist.
Ich kam einmal von einem Konzert mit einem Schlagzeuger nach Hause, der wahnsinnig gut gespielt hat. Der Zuhörer Pierre sagte: Oh, was der alles kann. Der Schlagzeuger Pierre fragte: Möchtest Du auch so spielen? Nein? Dann halt die Klappe und mach Dein Ding! Ich war nur beeindruckt, aber nicht inspiriert. Das hat mich beruhigt.

Pierre Favre

© Photographer Roberto Cifarelli

ICH REDE AUCH ALS LEADER NICHT VIEL.

LN: Du bist ein sehr beliebter und guter Pädagoge, ein „Meister“ im klassischen Sinn. Unzählige Drummer quer durch alle Stile und Generationen waren bei Dir im Unterricht und haben von Dir prägende Inputs erhalten. Was sagst Du einem Schüler, der von Dir lernen will?

PF: Ich sage ihm – nichts. Ausser: Komm, wir arbeiten, wir spielen, wir probieren … Ich versuche, den Schüler mit allerlei Geschichten zu begeistern, ihm zu zeigen, wie man diese sehr komplexe Sprache der Musik so leicht wie möglich machen kann. Anders gesagt, ich versuche, diesen schwierigen Weg leicht zu machen.

LN: Es gibt diesen berühmten Scherz von Dir: Eigentlich bin ich als Lehrer ein Profiteur.

PF: Das ist nicht bloss ein Scherz. Ich habe beim Unterricht oft sehr von Schülern profitiert. Denn das Problem eines Schülers ist ja auch Dein eigenes. Wenn Du ihm zeigst, welche Lösungen es für sein Problem geben könnte, lernst Du auch für Dich. Ich mag Schüler, die etwas versuchen, etwas ausprobieren, dann bin ich mit Begeisterung dabei. Aber es gehört auch zur Arbeit eines Lehrers, den Schüler zum Stolpern zu bringen, ihm ein Bein zu stellen – auch hier, wenn möglich, ohne Worte.

Freunde von mir fragen manchmal, warum ich immer noch diese Djembe-Kurse gebe. Sie verdächtigen mich: wegen des Geldes. Aber ich habe ganz andere Gründe: Von diesen Kursen komme ich voller Energie zurück. Was die Schüler nicht können, da muss ich selber sehr stark sein, um mit einem guten Sound spielen, um das langsame Tempo halten zu können, um diese Ruhe auszustrahlen – das ist nicht Schlagzeug spielen, das ist Rhythmik pur. Es gibt kein langweiliges Tempo, man muss nur lernen, in jedem Tempo das Passende zu spielen. Da helfen Patterns und Formeln nicht, erst im tänzerischen Tun kommt die Fantasie.

LN: Welches war denn für Dich die wichtigsten Lektionen auf dem Weg zum Musiker?

PF: Eine unbewusste Lektion hat mir mein Vater gegeben, wenn er mit der Sense das Gras mähte. Ich sass als kleiner Junge oft hinter ihm und habe seinen Bewegungen zugeschaut. Das war ein Tanz, die Sense hat von selbst gearbeitet, sie wurde nicht gemeistert. Mein Vater hat das Werkzeug seine Arbeit machen lassen, hat ihm nur einen unscheinbaren Impuls gegeben, das war meisterhaft und hat mich nachhaltig geprägt. Und dann dieses Geräusch des Grases, das war wie Musik, wie ein Spiel … Man hat mich in meiner Jugend manchmal kritisiert: Wenn Du spielst, sieht man kaum eine Bewegung, bei Deinen Kollegen sieht man wenigstens, was sie tun! Erst später ist mir bewusst geworden, dass ich meine Spieltechnik und -effizienz dieser Lektion meines Vaters verdanke.

Eine andere wichtige Lektion gab mir der grosse Schlagzeuger Philly Jo Jones. Wir haben eine Zeit zusammen verbracht, eines Morgens holte ich ihn im Hotel ab. Er war noch nicht ganz bereit, wir standen zusammen vor dem Spiegel, während er sich rasierte. Plötzlich fiel die Flasche mit dem Rasierwasser herunter. Ich wollte die Flasche ganz schnell auffangen, aber Philly Jo machte eine grosse, ganz ruhige Bewegung und seine Hand war zuerst an der Flasche.

Pierre Favre

© Pierre Favre

LN: Zwei Lektionen über die Beherrschung der Bewegung. Diejenige des Vaters lag mehr im Bereich des Rituellen, des Eingeübten, zugleich eine Lektion über das Entspannen, diejenige von Jones im Bereich des Impulsiven, Spontanen, aber präzis und virtuos.

PF: Das ist nicht mehr Technik. Das war – allerhöchste Technik …

LN: Das Liebäugeln mit dem Pop, das sanfte, aber etwas oberflächliche Musizieren, das ich bei vielen jüngeren MusikerInnen beobachte, auch bei sogenannten ImprovisationsmusikerInnen, ist das für Dich bloss eine dieser ästhetischen Zeitgeisterscheinungen, die nur so lange dauern, bis das Pendel wieder auf die andere Seite aus- schlägt? Du hast ja viele solcher Wellen miterlebt, vom Cool- zum Freejazz, vom „Kaputt-Spielen“ zum New Age, von der „New Complexity“ zur neuen Einfachheit. Wo schlägt Dein Herz?

PF: Ich habe vor allem von den grossen schwarzen Schlagzeugern Inspiration bekom- men; sie waren nie modisch. Sie waren echt. Ehrlich, gerade. Es waren weise Männer: Baby Dodds, Sidney Catlett, Kenny Clark, Art Blakey. Ich hole heute noch viel Inspiration aus ihrer Musik. Vor Kurzem habe ich ein 2-taktiges Break von Sid Catlett gehört. Mir kamen die Tränen, nicht aus Nostalgie, sondern weil es einfach unglaublich rhythmisch war. Wir hatten im Jazz immer gute Leute, etwa Miles oder Monk, die einen Weg gezeigt haben. Diese grossen Figuren fehlen heute. Aber es gibt sehr viele Musiker, die etwas versu- chen, Neues ausprobieren, und plötzlich kommt wieder jemand, einer wie Bach damals, der in all diesen Versuchen plötzlich das neue Wesentliche erkennt, es auf den Punkt bringt und zeigt, in welche Richtung es wei- tergeht. Was ich geniesse an der Jugend ist diese Begeisterung, ihre Frische. Die kommen zum Grossvater und fragen: Wie hast Du das gemacht? Das gibt mir sehr viel.

ICH GLAUBE IMMER NOCH AN DIE MENSCHHEIT, ABER ICH TRAUE IHR NICHT MEHR.

Pierre Favre Set

© Photographer Roberto Cifarelli

LN: Du gehörst nicht zu jenen Alten, die sagen: Früher war alles besser. Oder: Früher war alles schlechter. Aber was ist anders geworden, seit den 50er-Jahren, als Du als Musiker angefangen hast? Es gab damals keine Jazzschulen, die Schule war vor allem die “Strasse”.

PF: Ja, wir haben sehr viel gelernt von den grossen Musikern, die in die Stadt kamen. Es gab nicht sehr viele Angebote, wir mussten ihnen nachreisen, von Basel nach Karlsruhe, nach Stuttgart, das war unsere Chance, etwas zu lernen.

LN: Wo steht die live gespielte Improvisationsmusik heute? Wo wird sie in 10 Jahren stehen?

PF: Ich glaube fest an die Improvisationsmusik, aber wir stehen noch sehr am Anfang! Improvisieren ist eine höchst wache Angelegenheit und braucht sehr viel Vorbereitung und Arbeit. Man kann nicht einfach hinstehen und sagen: Ha, jetzt machen wir etwas Neues. Wir dürfen nicht vergessen, wo die Dinge herkommen. Wir sind abhängig von der ganzen Kultur, mit der wir und viele Generationen vor uns aufgewachsen sind.

Für mich besteht Improvisation aus dem Hören der ganzen Gruppe, der ganzen Musik. Es ist wie in einem guten Gespräch, wo jeder nur das sagt, was der ganzen Gruppe nützt. Das verlangt viel Vorbereitung. Und viel Übung.

Ich merke – und nicht nur, weil ich das gern möchte –, dass wieder eine Zeit kommt für „Melodien“, für das Harmonische. Das Harmonische wird wieder neu erlebt werden, sozusagen in seiner eigentlichen Funktion. Es gibt Musiker, die immer noch gern schockieren. Vielleicht ist aber die Zeit da für neue Empfindungen. Vielleicht werden sie erzeugt mit traditionellen Mitteln und werden dennoch neu sein. Neue Wahrnehmungen, neue Emotionen mit „altem“ Material.

Das heisst nicht, dass wir warten müssen. Du bist wie die Katze, die vor dem Mausloch wartet. Du weisst genau, dass Du sie kriegst – es braucht sehr viel Aufmerksamkeit und sehr viel Zeit. Die Katze wartet nicht, sie ist wach und arbeitet!

Pierre Favre

© Pierre Favre

LN: Du bist ein sehr offener Geist. Man kennt Dich als Schlagzeuger, als unermüdlicher Schaffer, als Lehrer, als Solist, als Komponist, als neugieriger Mensch, der immer wieder in den unterschiedlichsten Kontexten auftaucht und irgendwie mit allen auskommt. Gibt es einen Pierre, den wir noch nicht kennen?

PF: Ein alter Freund hat mir einmal gesagt: Was ich an Dir schätze, ist, dass Du es bis jetzt geschafft hast, kein Star zu werden. Das heisst, Du bist immer noch frei. Wenn ich das Gefühl habe, man will mir etwas von meiner Freiheit nehmen, dann werde ich wütend. Meine innere Freiheit ist mir wichtig.

LN: Zum Schluss einige ganz kurze Fragen für ganz kurze Antworten. Was ist Dir neben der Musik wichtig in Deinem Leben?

PF: Die Poesie im Leben.

LN: Was verletzt Dich?

PF: Wenn man mich verachtet. Du gibst alles, was Du kannst, und man verachtet Dich. Das verzeihe ich nie jemandem.

LN: Was war Dein grösster Erfolg?

PF: Wahrscheinlich das Solokonzert am Jazz- festival Berlin 1972 in der Philharmonie. Und das Solokonzert in Rio de Janeiro 1976.

LN: Was war Deine grösste Enttäuschung?

PF: Ich glaube immer noch an die Menschheit, aber ich traue ihr nicht mehr.

LN: Welche CD von Dir gibst Du einem Space Shuttle mit in den Orbit?

PF: Keine.

LN: Mit welchem lebenden Musiker möchtest Du mal noch zusammenspielen?

PF: Für diese Art Träume ist es zu spät.

LN: Mit welchem bereits verstorbenen Musiker hättest Du gerne mal noch zusammengespielt?

PF: Mit John Coltrane.

Informationen zu diesem Interview
Dieses Interview führte der Schweizer Schlagzeuger Lucas Niggli für das JAZZ’N’MORE Magazin und wurde JazzDrummerWorld freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellt. Erschienen ist das Interview in der Jazz’n’More Ausgabe 5/2010 Nov./Dez. Mehr über Pierre Favre gibt es unter pierrefavre.ch.

Die Fotos wurden freundlicherweise vom Fotografen Roberto Cifarelli zur Verfügung gestellt. Hier findet man auch seinen Flickr Stream. Und einige Fotos wurden ebenfalls von Pierre Favre selber zur Verfügung gestellt.

Pierre Favre Ensemble – Le Voyage

Pierre Favre Le VoyageMit „Le Voyage“ nimmt das Pierre Favre Ensemble den Zuhörer mit auf eine Reise. Ohne vertrauten Regelen, wird hier einfach gespielt und dabei entstehen die unterschiedlichsten Bildern in den Köpfen des Zuhörers.

Pierre Favres Kompositionen sind geprägt von Spannungen und Klängen. Mit den unterschiedlichsten Perkussionsinstrumenten vermag er Geschichten zu erzählen. Ein Album mit viel Rhythmus aber auch viel Melodie. Erschienen ist das Album beim Intakt Records. Erhältlich unter anderem bei amazon.de.

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