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Interview Jack DeJohnette

Interviews 06. Juli 2010 - 08:26 UHR 2 Kommentare
Ein Sideman Ganz Vorne Jack DeJohnette – Gemeinsam mit Keith Jarrett und Gary Peacock steht der Chicagoer Drummer und Pianist Jack DeJohnette am diesjährigen Jazz Festival Montreux auf der Bühne. Als Sideman, wie es in einer Presseinformation heisst. Im Interview mit JAZZ’N’MORE wehrt er sich gegen diese Klassifizierung. Von Luca D’Alessandro

Drummer Jack DeJohnette

Jack DeJohnette: Sideman? Ich?

JNM: So steht es in Ihrer Dokumentation.

JDJ: Keith Jarrett, Gary Peacock und ich sind seit Jahrzehnten in der Welt des Jazz unterwegs. Ich finde es nicht angebracht, jeman- den von uns als Sideman zu bezeichnen. Wir alle können auf einen breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Ich würde eher sagen: Das Keith Jarrett Trio besteht aus ranggleichen Musikern.

JNM: Die regelmässig auf grossen Bühnen stehen: zum Beispiel am 11. Juli im Auditorium Stravinski am Jazz Festival in Montreux. Was halten Sie von Montreux?

JDJ: Ein Festival mit einem starken, internationalen Image.

JNM: Konnte sich Montreux nach all den Jahren den charmanten Festivalcharakter bewahren?

JDJ: Ich fühle mich nicht in der Lage, diesbezüglich ein Urteil zu fällen. Ich hatte bislang nie die Gelegenheit, für längere Zeit in Montreux zu verweilen. In der Regel fliegen wir mit dem Privatjet hin, spielen unser Repertoire und sind dann auch wieder weg.

JNM: Von der Atmosphäre kriegen Sie nichts mit?

JDJ: Nicht wirklich. Wir sind viel unterwegs und arbeiten sehr hart.

JNM: Business pur.

JDJ: Wir müssen wirtschaftlich denken, damit wir unsere Rechnungen bezahlen können.

JNM: An den grossen Jazzfestivals wird kein purer Jazz mehr ausgeschenkt.

JDJ: In der Tat, es treten da immer mehr Popmusiker wie Sting, Norah Jones, Prince oder Phil Collins auf. Das finde ich auch nicht weiter schlimm – im Gegenteil: Sie sind es, die die grossen Besucherströme fliessen lassen und Umsätze generieren. Je grösser die Umsätze eines Festivals, desto wahrscheinlicher ist ein Auftritt für uns Jazzer.

JNM: Dann ist aber der Begriff Jazzfestival falsch.

JDJ: Wir müssen vorsichtig sein, wie wir mit der Definition des Jazz umgehen. Der Jazz wird gerne in ein weisses Seidentuch gewickelt. Dabei haben Jazzmusiker eine breite Orientierung. Sie interessieren sich für vieles und schaffen es, unterschiedliche Stile zu verbinden. Das Denken in Schachteln ist nicht mehr zeitgemäss: Jazz, Free Jazz, Latin Jazz, was weiss ich. Ich mag dieses Labeling nicht.

JNM: Unter diesem Gesichtspunkt ist es schwierig, Ihre Arbeit zu definieren.

JDJ: Wieso? Ich würde sagen, meine Musik ist multidirektional: „It’s Jack DeJohnette Music“. Sie deckt verschiedene Aspekte ab: spanische Traditionen, indische Klänge, Funk- Rhythmen, was auch immer. Meine eigene Band, die „Jack DeJohnette Group“ ist vielseitig und kann mit allen möglichen Variationen umgehen.

JNM: Wie bringen Sie Ihre Musiker dazu, die Stücke mit Ihren Augen zu sehen?

JDJ: Ich muss meine Band nicht dazu bringen, sie tut es schon, indem sie meine Musik mag. Wenn meine Leute etwas anders sehen als ich, dürfen sie sich gerne einbringen und ihre Meinung sagen. Ich bin offen für Inputs.

JNM: Es muss schwierig sein, als Drummer den Bandlead zu halten. Für gewöhnlich steht der Drummer eher im Hintergrund.

JDJ: Das sehe ich nicht so. Wenn man so spielt, wie ich es tue, wenn die Arrangements eine klare Linie haben, dann ist das kein Problem. Als Drummer muss ich zusehen, dass die Band sich wohlfühlt.

JNM: Sie muss Ihren Puls fühlen.

JDJ: Er ist die Basis für die Inspiration. Du musst deine Band so weit bringen, dass sie am Ende aus purem Instinkt etwas spielt, das sie bisher noch nie gemacht hat.

JNM: Ihre Funktion unterscheidet sich massgeblich von jener Ihrer Bandmitglieder. Sie sind der Rhythmiker, die anderen legen den Schwerpunkt auf die Melodien und Harmonien. Wo sehen Sie den Hauptunterschied zwischen einem Bandleader am Piano und einem Bandleader an den Drums?

JDJ: Ich denke nicht, dass es da spezielle Unterschiede gibt. Beides ist in etwa gleich schwer. Denken wir an Max Roach, er war nicht nur Drummer, er war auch Komponist – und er war Bandleader! Er war erfolgreich damit, weil er schlau genug war, junge Musiker bei sich in der Band zu haben. Jazzer, die gewillt waren, Neues zu entdecken und den Weg mit ihm zu gehen.

JNM: In Ihrer Gruppe, also der Jack DeJohnette Group, befinden sich auch mehrere junge Leute.

JDJ: Ja, sie haben ein Riesenpotenzial und sind offen für alles Mögliche. Ich arbeite oft und gerne mit ihnen.

JNM: Jack DeJohnette, Sie waren für lange Zeit bei ECM München unter Vertrag. Wie haben Sie den deutschen respektive den europäischen Musikmarkt erlebt?

JDJ: Während der letzten zehn Jahre stellte ich fest, dass die Menschen in Europa ein grösseres Verständnis für Kultur haben als jene in den Vereinigten Staaten. In Europa werden Gelder gesprochen für Kulturprojekte, unterstützende Beiträge gewährt und Förderpreise ausgeschrieben. Stellen Sie sich vor: In den Vereinigten Staaten gibt es kein Kulturministerium! Unglaublich, oder? In jedem anderen Land gibt es das, nur nicht in den Staaten. Als Miles Davis vor knapp zwanzig Jahren starb, schickten Länder aus aller Welt Vertreter ihrer Kulturministerien zu uns, um offiziell das Beileid zu bekunden. Wir Amerikaner könnten eine solche Geste nicht machen, da wir kein öffentliches Amt haben, das solche Aufgaben wahrnimmt. Das kulturelle Verständnis in Europa führt dazu, dass viele Jungtalente auf den Jazzbühnen ihren Platz einnehmen und neue Trends schaffen können, während in den Staaten das Musikleben immer tiefer einschläft.

JNM: Was bedeutet das für Sie?

JDJ: In den Staaten musst du als Musiker für denselben Erfolg doppelt so hart arbeiten.

JNM: Ich hatte kürzlich eine Debatte mit einem Jungmusiker, der behauptete, der Bass sei der Grundstein einer Jazzband – nicht das Schlagzeug. Als Drummer hören Sie das vermutlich nicht gerne.

JDJ: Ich finde solche Diskussionen immer interessant.

JNM: Sie geben ihm recht?

JDJ: Er liegt nicht ganz falsch. Wenn du ein gutes Drummer-Bass-Team hast, dann steht das ganze Konstrukt auf einer soliden Basis. Wenn zum Beispiel die Drums fehlen, kann der Bass alleinestehen, ohne dass dabei das Gefühl entsteht, es würde etwas fehlen. Es gibt ein paar hervorragende Bassisten in der Jazzbranche, die ein Schlagzeug problemlos kompensieren können. Es kommt darauf an, was und wie etwas gespielt wird. Wichtig ist, dass es mit Power geschieht.

JNM: Power?

JDJ: Ja, die Ausdruckskraft. Sie hat etwas Spirituelles.

JNM: Was ist Spiritualität für Sie?

JDJ: Spiritualität ist das gute Gefühl, das kommt, wenn man zum Beispiel etwas Gutes gegessen hat. Es kommt von ganz innen und hat etwas Befreiendes.

JNM: Wer gut essen will, braucht Geld. In der Musikbranche lässt es sich nicht mehr so leicht verdienen wie auch schon.

JDJ: Die Produktionen sind teuer und damit verbunden auch die ganze Promotion. Daher bin ich vor jeder neuen CD-Produktion vorsich- tig. Demnächst werde ich eine Extended Play CD lancieren, um zu testen, ob meine aktuelle Musik auch ankommt. Das ist billiger, als ein ganzes Album zu produzieren, das sich am Ende eventuell nicht verkaufen lässt.

JNM: CDs verkaufen sich nicht mehr?

JDJ: Die MP3-Downloads haben massiv zu- genommen, dennoch verkaufe ich nach wie vor CDs, allerdings fast nur an den Konzerten. Der beste Weg zum Hörer führt über ein Konzert.

Jack DeJohnette mit Keith Jarrett auf der Bühne

Das Keith Jarrett Trio, bestehend aus Keith Jarrett am Piano, Jack DeJohnette am Schlag- zeug und Gary Peacock am Bass, ist heute fast schon eine Institution. Sein musikalisches Niveau erreicht ungeahnte Höhen. Seit seiner ersten gemeinsamen Session im Jahre 1983 gilt das Trio als eine Referenz für den zeitgenössischen Jazz – einen Jazz, den es dieses Jahr anlässlich des Montreux Jazz Festivals zu hören gibt. Dass dieses Ensemble über die Jahre hinweg überhaupt so perfekt harmonieren konnte, ist nicht zuletzt dem 68-jährigen Jack DeJohnette zu verdanken. Als multidirektionaler Dialog- spieler – der selbst dann einen Dialog findet, wenn er alleine spielt – hält er oft die Rolle des Teamcaptains inne. Er hält zusammen, was zusammengehört, gewährt aber auch Freihei- ten. Als Komponist denkt er sich in die Rollen der Bandmitglieder ein und schafft es, die Bedürfnisse eines jeden Einzelnen zu berück- sichtigen. Jack DeJohnette wird oft als Vater des multistilistischen Schlagzeugspiels bezeichnet. Von ihm kommt jener neue Schlagzeugertyp, der in- zwischen so viele Stile spielt, verarbeitet und integriert, dass man ihn keiner einzelnen Richtung mehr zuordnen kann. Es wundert daher nicht, dass DeJohnette sich in allen möglichen Stilen heimisch fühlt, zum Leidwesen der Musikjournalisten und Biografen, die sich die Zähne ausbeissen, wenn sie vor der Aufgabe stehen, DeJohnette einem Genre zuordnen zu müssen. Zahlreiche Versuche wurden unternommen, doch keiner führte zu einem abschliessenden Ergebnis: Jazz Rock? Reggae? Free Jazz? Neo-Bop oder Blues?

Am 11. Juli 2010 besteht die Möglichkeit, Jack DeJohnette gemeinsam mit Keith Jarrett und Gary Peacock auf der Bühne des Montreux Jazz Festivals live zu erleben – und wer weiss: Vielleicht klärt sich für den einen Hörer oder die andere Hörerin die verzwickte Frage nach dem Genre.

Aktuelle CD: Music We Are (2009) – Grammy Award für bestes New Age Album
Info: www.jackdejohnette.com oder auch unter drummerworld.com

Informationen zu diesem Interview

Das Interview für JAZZ’N’MORE führte Luca D’Alessandro. Erschienen ist das Interview in der JAZZ’N’MORE Ausgabe 4/2010 Juli/August und würde freundlicherweise für jazzdrummerworld.com zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen zu JAZZ’N’MORE findet man unter www.jazznmore.ch

Text und Interview: Luca D’Alessandro
Foto PD/zVg

Wer eine aktuelle Ausgabe des JAZZ’N’MORE Magazins möchte, der hinterlasse hier einen Kommentar. Die ersten zwei Kommentatoren erhalten eine Ausgabe der aktuellen Ausgabe des Jazz Magazins.

2 Kommentare

  1. 6. Juli 2010 um 11:24 - Kommentar zitierenReply to this comment
    1

    Der beste Weg zum Hörer führt über ein Konzert, genau genommen über die Musik an sich!

  2. 6. Juli 2010 um 11:34 - Kommentar zitierenReply to this comment
    2

    @Linda: Dein Exemplar JAZZ’N’MORE bekommst du die nächsten Tage per Post zugesandt!

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