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Hinterindien und die federnde Eigenschaft der klingenden Scheibe

Drums & Co. 04. Juli 2012 - 19:52 UHR 0 Kommentare
An einem Freitagnachmittag in der Nähe von Luzern, genauer in Adligenswil, treffe ich auf einen gut gelaunten und sympathischen Michael Paiste. Noch bevor wir seine Werkstatt betreten, finden wir uns in einer angeregten und hochspannenden Diskussion über metallurgische Eigenheiten, Spiritualität und prägende Hörerfahrungen wieder. Kein Zweifel: Der Mann hat Tiefe, Charme
und Witz, ist sehr neugierig und verfügt über ein enormes Wissen. Umso mehr verwundert, dass die europaweite Schlagzeugergemeinde seine Türen nicht einrennt. JAZZ’N’MORE versucht mit diesem Artikel diesen Umstand etwas zu ändern. Doch erst mal zurück zum Anfang. Von Christian Wolfarth für JAZZ’N’MORE

Hinterindien und die Seidenstrasse

Überlieferungen zufolge sind erste klingende Bronzeteile um 6000 v. Chr. erwähnt. Die sogenannten klingenden Scheiben wurden im Gebiet des damaligen Hinterindiens, heute wohl im Gebiet von Bangladesh bzw. Tibet gefunden. Diese Instrumente wurden hauptsächlich zur Signalübermittlung und für rituelle Zwecke gebraucht, aber leider auch immer wieder für kriegerische Auseinandersetzungen missbraucht. Vermutlich gelangten die Becken bzw. das Wissen über deren Herstellung laut Paiste über die Seidenstrasse in die Türkei und Mitte des 16. Jahrhunderts, möglicherweise durch die Janitscharen, nach Mitteleuropa, wo die Instrumente auch hier Eingang in die Militärkapellen und später in das Symphonieorchester und noch später in die Jazzkapellen fanden. Der Rest ist Geschichte.

Kupfer, Zinn und Kirchenglocken

Die hochwertigen Cymbals bestehen aus der sogenannten B-20-Legierung (80% Kupfer und 20% Zinn). Obwohl beide Metalle eher weich und wenig klingend sind, werden sie zusammengeschmolzen zu Bronze und damit erstaunlich hart und klingend. Schlagzeugbecken bestehen übrigens aus ziemlich exakt derselben Legierung wie Kirchenglocken. Eine schöne Analogie, findet auch Michael Paiste.

Die federnde Eigenschaft

Wie kommen die Cymbals zu ihrem Klang? Nach dem Giessen der Legierung zu Gussrohlingen werden diese gewalzt. Dieser nun flachen, dünnen Scheibe wird die sogenannte Kuppel eingepresst. All dies geschieht in rotglühendem Zustand des Metalls. Später, bereits erkaltet, wird das Becken zuerst gehämmert und bekommt damit seine leicht gebogene Form und zum Teil bereits auch seinen Klang. Das noch viel zu dicke Becken wird anschliessend auf einer Drehbank zu vorläufiger Dicke/Schwere abgedreht. Damit wird auch die sogenannte Gusshaut entfernt. Nachmaliges Abdrehen und Hämmern mit diversen Hämmern auf verschiedenen Unterlagen verleihen dem Becken die endgültige Form und den endgültigen Sound. Durch diese Bearbeitungsprozesse, hauptsächlich durch das Hämmern, verdichtet sich die Bronze und entwickelt damit die sogenannte federnde Eigenschaft. Das bedeutet, dass das Becken nach dem Anschlagen mittels Schlagzeugstock jeweils in die Ausgangsposition zurückkehrt. Diese federnde Eigenschaft ist ein wichtiger Bestandteil des Klanges und erklärt auch das zum Teil lang anhaltende Diminuendo.

Lehrjahre

Michael Paiste, Spross des grossen gleichnamigen Schweizer Beckenherstellers, hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. 1986 ging er bei Paiste für drei Jahre in die Lehre. Insgesamt arbeitete Michael Paiste zwölf Jahre dort und hat alle Arbeitsschritte vom Giessen bis hin zum Feintuning der Cymbals kennengelernt. Damit verfügt er mittlerweile über ein enormes Wissen. In einer späteren Phase arbeitete er im Klangentwicklungsteam und stand mit einigen der damaligen Endorser, u.a. Steve Jordan, Jeff Porcaro, Nicko McBrain und Danny Gottlieb, in regem Austausch. Nicht zuletzt durch diese zum Teil engen Kontakte entstand bald der Wunsch, Cymbals sowohl seinen eigenen als auch den Vorstellungen verschiedener Schlagzeuger entsprechend zu kreieren. Beflügelt von den Erfolgen der ersten Becken, liess ihn seine Neugier bis heute nicht mehr los und führte dazu, dass er sich im Jahre 2003 definitiv selbstständig machte. Dank seinem ungestillten Forscherdrang und seiner langjährigen Erfahrung wurde Michael Paiste zu dem, was er heute ist: weltweit einer der ganz wenigen Spezialisten und Meister auf diesem Gebiet.

Das Traum-Cymbal

Bei Michael Paiste sind alle SchlagzeugerInnen herzlich willkommen, welche nach einem hochwertigen Cymbal Ausschau halten. Gern mag er Kunden mit einer präzisen klanglichen Vorstellung von ihrem “Traum-Cymbal”. Durch eine sorgfältige Anamnese z.B. eines bestehenden Beckens wird genau abgeklärt, ob die Wünsche des Kunden umsetzbar sind. Jeder Schritt der geplanten Bearbeitung wird mit dem anwesenden Schlagzeuger bespro- chen und Michael Paiste ist anschliessend in der Lage, zu beurteilen, ob er dem jeweiligen Wunsch entsprechen kann. Diese Art der persönlichen Zusammenarbeit fasziniert den empathischen Paiste sehr und lässt ihn erst recht in Fahrt kommen. Nicht zu vergessen seine Frau Verena; sie unterstützte ihren Mann von Beginn weg und bestärkte ihn in seinem Vorhaben, seinen eigenen Weg zu gehen. Zudem fertigt sie nach Kundenwunsch originelle und wunderschöne Gravuren und Oberflächenbearbeitungen auf Cymbals an. Michael Paiste führt auch Gruppen-Workshops für interessierte SchlagzeuglehrerInnen und Musikschulen durch, welche mit einem Vortrag, einer Filmvorführung und mit einer kurzen Einführung in verschiedene Bearbeitungsprozesse überaus lehrreich und unterhaltsam sind. Mit etwas Glück gibt es danach auch ein Gläschen von seinem Lieblingswein, dem Aigle les Murailles zu geniessen … Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

Kontakt:
Michael Paiste Seeburgstrasse 8, CH-6006 Luzern
E-Mail: michaelpaiste@sunrise.ch
Web: michaelpaiste.ch
++41 41 370 95 61 home
++41 77 210 96 15 cell

Hinweis

Artikel & Fotos wurden von Christian Wolfarth für das Magazin JAZZ’N’MORE erstellt und JazzDrummerWorld freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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